Cesenatico: Dolce Vita mit ordentlich Tempo
Es gibt Orte in Italien, die wirken, als hätte jemand das perfekte Feriengefühl aus mehreren Jahrzehnten zusammengebaut. Cesenatico ist so einer. Ein bisschen Grand Hotel, ein bisschen Fischerromantik, ein bisschen Aperitivo am Meer und erstaunlich viel sportlicher Ehrgeiz. Etwas Eighties Romantic, gemixt mit zeitlosem Adria-Flair und aufspriesenden Piadina-Läden. Dazu junge Leute, die mittags aussehen, als würden sie gleich bei den Olympischen Spielen antreten, und abends so feiern, als hätten sie davon noch nie gehört.
Willkommen in Cesenatico. Unser Gefühl sagt uns, ein besonderer Ort…
Der charmante Mittelpunkt der Stadt ist der Porto Canale Leonardesco, der historische Hafenkanal, dessen innerer Verlauf auf Leonardo da Vincis Pläne aus dem Jahr 1502 zurückgeht. Heute sitzen hier Menschen, Touristen und Einheimische (viele Touristen), bei einem Glas Wein. Boote schaukeln im Wasser und entlang der Ufer reihen sich Restaurants, Bars und hübsche alte Häuser. Der Kanal ist weniger Sehenswürdigkeit als Bühne. Und auf dieser Bühne spielt sich bis spät in den Abend das Leben ab. In den Sommermonaten wandern ganze Schwärme an Schülerreisen an uns vorbei, erkennbar am einheitlichen „Cesenatico 2026“ T-Shirt. Entsprechend begehrt werden die Eisdielen der Hafenpromenade. Dazwischen übt sich immer mal wieder ein Straßenmusiker, ein Saxophonspieler oder eine Sängerin, in der Darbietung der italienischen Klassiker. Frauen hängen sich ein in die stolzen Ärmen ihrer Männer und schlendern zufrieden lächend den Kanal entlang, während ihre Begleiter schon etwas genervt und angestrengt scheinen. Denn es kann durchaus voll werden an diesem malerischen Ort.

Doch es bleibt am schönsten, hier abends einfach loszuschlendern. Ohne Ziel, ohne Programm und möglichst mit genügend Zeit für einen Digestivo. Cesenatico kann sehr italienisch sein, ohne dabei museal zu wirken. Es ist das „klassische“ Italien, das der alten Grand Hotels und der Fischerboote, doch gleichzeitig ein ausgesprochen lebendiger und auch moderner Ferienort.
Ein Ort mit zwei Gesichtern
Direkt am Meer steht das berühmte Grand Hotel Cesenatico, von außen ein eleganter Klassiker aus einer anderen Epoche. Zugegeben, wir waren nicht im Inneren. Aber verfügbare Bilder im Internet zeugen von einer vergangenen Zeit. Gegenüber beziehungsweise nur wenige Schritte entfernt ragt dagegen ein Gebäude in den Himmel, das aussieht, als hätte jemand mitten in der Adriaküste versehentlich eine Großstadt platzieren wollen, um dann nach einem Gebäude wieder aufzugeben: das Grattacielo di Cesenatico. 118 Meter hoch, 35 Stockwerke und ursprünglich Ende der fünfziger Jahre gebaut, war es zeitweise das höchste Gebäude Europas. Heute ist es schlicht skurril und gerade deshalb unpassend wunderbar. Zwischen Strand, Palmen und historischen Häusern steht dieser in dieser Kulisse wuchtige Wohnturm und erinnert daran, dass Cesenatico schon immer Lust auf ein bisschen Dolce Vita mit Größenwahn hatte. Das Gebäude ist längst ein Wahrzeichen geworden. Ein Sinnbild für Widersprüche, für Wege, die man einschlagen und auch wieder aufgeben kann. Dafür, dass man nicht alles so endlich ernst betrachten muss. Und genau diese Attribute machen den Ort so besonders.
Morgens Sport, abends Aperitivo
Wer Cesenatico wirklich verstehen möchte, sollte früh aufstehen. Nicht wegen des Sonnenaufgangs, obwohl der natürlich auch schön ist. Sondern wegen der Fahrräder.
Cesenatico ist tief mit dem Radsport verbunden und die Stadt lässt sich wunderbar auf zwei Rädern entdecken. Morgens fährt man am Meer entlang, hinein Richtung Hafenkanal oder einfach zur großen Riesenradkulisse an der Piazza Andrea Costa. Die berühmte Panoramarad steht dort direkt beim Grattacielo und gehört ebenso zum sommerlichen Stadtbild wie die Strandliegen und Sonnenschirme.
Überhaupt ist Sport hier kein Programmpunkt, sondern fast eine eigene Sprache. An den Bagnos wird Volleyball gespielt, trainiert, gerannt und offensichtlich sehr ernsthaft um Bälle gekämpft. Mittags könnte man meinen, Cesenatico bereite sich auf eine internationale Sportveranstaltung vor. Abends sind dieselben Menschen dann plötzlich erstaunlich entspannt und bevölkern die Strandbars. Das ist vielleicht die eleganteste Form von Ausgleich.
Schlafen mit Stil
Für alle, die das klassische Cesenatico etwas luxuriöser erleben möchten, ist das Grand Hotel da Vinci eine besonders schöne Adresse. Direkt am Meer gelegen verbindet das Hotel klassische italienische Eleganz mit dem Komfort eines modernen Luxushotels. Genau hier funktioniert Cesenatico besonders gut: Man kann morgens im Bademantel frühstücken, anschließend mit dem Fahrrad losziehen und am Abend in wenigen Gehminuten am Kanal sitzen. Oder im Rivera 69, ein ganz besonderes Strandrestaurant, das nur eine Minute vom Hotel da Vinci entfernt ist.
Mittagessen mit Meerblick, Abendessen mit Charakter
Wer Fisch und Meeresfrüchte liebt, sollte sich das Riviera 69 nicht entgehen lassen. Das Restaurant gehört zu den Adressen, bei denen man schnell versteht, warum die Riviera Romagnola kulinarisch weit mehr kann als Strandurlaub und Pasta. Hier trifft mediterrane Küche auf entspannte Beachclub Atmosphäre. Perfekt für ein langes Mittagessen, das vielleicht mal viel zu spät endet und trotzdem genau richtig ist. Denn auch das gehört zu Cesenatico: Niemand scheint es hier besonders eilig zu haben. Außer beim Beachvolleyball.
Und plötzlich: Kroatien
Ein besonders schöner kleiner Luxus für alle, die gerne einen Tapetenwechsel einbauen, ohne gleich einen ganzen Reisetag dafür zu opfern: Von Cesenatico geht es in den Sommermonaten per Schnellkatamaran nach Kroatien. Nach Rovinj dauert die Überfahrt rund drei Stunden. Das bedeutet: morgens italienischer Espresso, mittags Adria und kroatische Altstadt, abends wieder zurück nach Cesenatico. So unkompliziert kann Adriahopping sein. Zwei Länderpunkte mit einem kulinarisch wie landschaftlich ausgereiften Trip. Wer lieber Inselgefühl möchte, kann saisonal auch nach Mali Lošinj fahren. Diese Verbindung dauert allerdings etwa fünf Stunden und ist damit eher ein Ausflug für diejenigen, die bereits auf dem Schiff anfangen, den Urlaub zu genießen.
Cesenatico, nicht geschniegelt. Und genau das ist der Luxus.
Vielleicht ist Cesenatico gerade deshalb so sympathisch, weil hier nicht alles perfekt inszeniert wirkt. Da steht das historische Grand Hotel neben einem ziemlich verrückten Hochhaus. Da liegen alte Fischerboote im Kanal und ein paar Meter weiter junge Italiener mit Aperol und Sonnenbrille. Morgens rollen Rennräder über die Promenade, mittags wird am Strand um jeden Punkt gekämpft und abends flaniert man am Wasser entlang oder tanzt bei schier unerträglich lauter Musik der Stranddiskotheken, während die Lichter der Restaurants im Kanal spiegeln.
Cesenatico ist klassischer Italienurlaub, ohne altmodisch zu sein. Es ist sportlich, ohne verbissen zu wirken. Es ist luxuriös, ohne sich wichtig zu nehmen oder pompös zu sein. Es ist jung, ohne seine Geschichte zu verleugnen. Vielleicht ist genau das der Grund, warum man hier schneller bleibt als geplant. Man wollte eigentlich nur ein paar Tage an die Adria.
Und dann sitzt man plötzlich am Kanal, bestellt noch einen Negroni und denkt: Morgen fahren wir weiter. Oder übermorgen. Und sicherlich kommen wir wieder nach Cesenatico zurück. Questa città è meravigliosa!
